Sounddesign ohne eine einzige Audiodatei
Meine beiden neuen Mac-Apps bauen jeden Ton zur Laufzeit selbst, aus Sinuswellen und ein bisschen Mathe. Warum ich das mache, wie ein Erinnerungston und eine Onboarding-Glocke wirklich entstehen, und warum Sound Tonfall ist, den man hört.

TaskAlarm hat elf Sounds und keine einzige Audiodatei. Das Onboarding von meetre hat noch mal ein Dutzend, ebenfalls ohne Datei. Jeder Glockenton, jeder Alarm, jeder Klick in beiden Apps wird in dem Moment, in dem er zum ersten Mal gebraucht wird, aus Sinuswellen berechnet, in einen Puffer geschrieben und abgespielt. Schlau sein wollte ich damit nicht. Jedes Soundpaket, das ich ausprobiert habe, klang einfach nach einer anderen App.
Sound ist Text, den man hört
Ich verbringe viel Zeit mit den Wörtern in einer Oberfläche. „It's time!" statt „ALERT: Task due". „Is it really done?" statt „Confirm completion". Und dann nimmst du einen Standard-Benachrichtigungston, und der macht in einer halben Sekunde alles kaputt. Ein schriller Piepton sagt „ALARM", egal was im Text steht.
Deswegen gilt in beiden Apps dieselbe Regel wie beim Text: Der Ton muss zum Charakter passen. Im Brand Guide von TaskAlarm steht „warm, rund, nie schrill". Bei meetre noch leiser. Sobald du das einmal aufgeschrieben hast, fällt jedes gekaufte Soundpaket raus. Für deinen Tonfall hat halt noch keiner Sounds gemacht.
Ein Sound ist Tonfall. Wenn der Text „du schaffst das" sagt und der Ton „FALSCH", glauben die Leute dem Ton.
Wie TaskAlarm eine Glocke baut
Jeder Sound in TaskAlarm ist eine kurze Liste von Noten. Jede Note hat eine Frequenz, eine Startzeit, eine Länge, eine Lautstärke und eine Wellenform. Der Ton für „es ist so weit" zum Beispiel: C5, E5, G5 und C6, jeweils 0,11 Sekunden versetzt, unter der letzten noch ein weiches tiefes C4. Ein aufsteigender Dur-Akkord. Als schlechte Nachricht kann man das kaum hören.
Die Palette ist C-Dur und bleibt meistens zwischen C4 und C6, also grob 262 bis 1047 Hertz. Allein das bringt schon viel: Nichts wird hoch genug, um zu stechen, nichts tief genug, um in Laptop-Lautsprechern zu scheppern.
Die Glocke selbst sind drei Sinuswellen. Ein Grundton, eine Kopie, die um ein Viertelprozent verstimmt ist, damit die beiden leicht gegeneinander schweben (daher kommt die Wärme), und eine leise Oktave obendrauf, die schnell verklingt und ein bisschen schimmert. Jede Note blendet in 12 Millisekunden ein, damit sie aufblüht statt zu knacken, und hat ein kurzes Ausklingen, damit sie am Ende nicht klickt. Danach läuft alles durch einen einfachen Tiefpass bei etwa 2,8 Kilohertz, der die restliche Schärfe abschleift, und durch einen weichen tanh-Limiter, damit übereinanderliegende Noten nicht übersteuern.
Das komplette Set: ein Glockenton, wenn etwas fällig ist, ein Zwei-Noten-Stupser, solange es wartet, ein Alarm, wenn es verpasst wurde, ein Erfolgston, eine kleine Fanfare, wenn die letzte Aufgabe erledigt ist, ein verschlafenes Snooze nach unten, ein blubbernder Plopp beim Hinzufügen, ein „Hey" zum Nachfragen, ein leiser Vorab-Glitzer und zwei Klicks namens Tick und Tock.
Am längsten habe ich am Alarm für verpasste Aufgaben gesessen. Drei Ding-Dong-Paare, E5 dann C5, mit einer etwas härteren Wellenform. Er muss so penetrant sein, dass du ihn nicht ignorieren kannst, und trotzdem nach Türklingel klingen statt nach Rauchmelder.

In den Einstellungen kannst du die wichtigsten vorhören (Due, Done, Snooze, Missed), die Lautstärke ändern und Klick-Sounds an- oder ausschalten. Die Klicks laufen zusammen mit dem haptischen Feedback auf Force-Touch-Trackpads, also spürst und hörst du einen Tipp auf jedem Mac.
Der langweilige Teil, ohne den nichts geht
Zwei Details, die niemand je bemerkt, solange ich sie nicht verbocke.
Die Audio-Engine schaltet sich fünf Sekunden nach dem letzten Ton selbst ab. Eine To-do-App hat kein Recht, die Audio-Hardware deines Macs den ganzen Tag wach zu halten, nur weil vielleicht um drei ein Klick kommt.
Und wenn sich das Ausgabegerät ändert, weil du zum Beispiel Kopfhörer einsteckst, stoppt die Engine und startet beim nächsten Ton neu, statt in ein Audio-Setup zu spielen, das es nicht mehr gibt.
meetre: Glocken nur an der Haustür
meetre nimmt Meetings auf. Die App sitzt direkt neben deinen Calls, also ist die Regel im Alltag einfach: Ruhe. Das Einzige, was du im normalen Betrieb hörst, sind die Benachrichtigungen vom System. Mitten in einem Meeting Geräusche zu machen ist der schnellste Weg, deinstalliert zu werden.
Die einzige Ausnahme ist das Onboarding, die ersten Minuten nach der Installation, in denen eine dunkle Vollbild-Szene „Hi." sagt und dich durchs Setup führt. Da hilft Sound, damit es sich nach Begrüßung anfühlt und nicht nach Einstellungsdialog.
Diese Glocken sind anders gebaut als die von TaskAlarm. Jede Note ist ein Sinus-Grundton plus eine weiche Oktave und ein leiser Oberton beim 2,76-Fachen der Frequenz. Genau der macht aus einer Flöte eine angeschlagene Glocke. Alles läuft durch einen Medium-Hall mit 28 Prozent Anteil. Und die Noten kommen aus einer Dur-Pentatonik, die eine großartige Eigenschaft hat: Jede Kombination ihrer Töne klingt freundlich. Wenn sich Sounds überlappen, weil jemand schnell klickt, klingt es trotzdem, als wäre es so gewollt.
Jede Szene hat ihren eigenen Ton. „Hi." ist ein langsamer, aufsteigender Nonakkord. „It listens." eine schnelle Figur nach oben, wie ein Pegel, der hochgeht. „It writes it down." ein paar winzige Tipp-Ticks mit einer „fertig geschrieben"-Note am Ende. „It stays on this Mac." ein warmer, tiefer Akkord mit einem leisen Klick, wie ein Schloss, das zugeht. Darunter atmet ein langer Ambient-Pad. Jeder Installationsschritt spielt eine Note höher als der letzte, Erfolg ist ein heller Schnörkel, ein Fehler zwei weiche Töne nach unten.
Der Mixer steht auf 0,55, ungefähr minus fünf Dezibel, weil bei einem ersten Start niemand erschrecken sollte. Unten rechts gibt es einen Stumm-Knopf, und kein Sound läuft in Schleife.
Was ich jedem sagen würde, der das ausprobiert
Fang bei den Wörtern an. Entscheide, wie deine App redet, und lass die Sounds dasselbe sagen. Such dir eine Tonleiter aus, bevor du Noten aussuchst. Filter mehr Höhen weg, als du denkst. Und schreib die Regeln auf, denn aus „soll warm klingen" wird „C-Dur, C4 bis C6, Tiefpass bei 2,8 Kilohertz", sobald es jemand bauen muss.
Ich habe jetzt eine Meinung zur Frequenz der Türklingel einer To-do-Liste. Damit hatte ich mit 24 nicht gerechnet.